Drei Romane erzählen von Grenzen und Überschreitungen in unterschiedlichen Beziehungsformen

von Diana Hitzke

Begehren, Freundschaft und jüdischer Frozen Yoghurt: Milk Fed von Melissa Broder

In Milkfed – einem Roman, in dem Essen und Liebe von Anfang an ganz eng miteinander verbunden sind – erzählt Melissa Broder von einer Beziehung, die zwischen Freundschaft, Bemutterung und lesbischem Begehren verschmilzt. Rachel ist 24 Jahre alt und in gesellschaftlichen Zwängen gefangen – sie ist stets darauf bedacht, ihre Kalorien zu zählen und ihr Essverhalten zu regulieren, so wie es ihr ihre Mutter beigebracht hat, von der sie auch ständig angerufen und kontrolliert wird. Rachels Therapeutin schlägt ihr vor, 90 Tage lang den Kontakt zur Mutter abzubrechen und ihr eigenes Leben zu leben. Da es neben dem Kalorienzählen, dem Fitnessstudio und ihrem Job nicht viel anderes in ihrem Leben gibt, wirkt sich die Befreiung von der Mutter vor allem auf ihr Verhältnis zum Essen aus. Rachel fängt an, sich manchmal Dinge zu erlauben, die sie sich sonst nie gestattet hätte. In einem Frozen Yoghurt Shop verliert sie nach und nach die Kontrolle und probiert sich durch die verschiedenen Toppings, die ihr von Miriam, der Tochter der Besitzer:innen der Yo!Good-Kette, angeboten werden. Wie stark kontrollierend ihr Essverhalten zuvor war, zeigt sich in der Scham, die sie empfindet, wenn sie die zuvor verbotenen kalorienhaltigen Speisen zu sich nimmt. Genuss ist als Kategorie nicht vorgesehen, es gibt keinen Raum zwischen Kontrolle und Maßlosigkeit.

Melissa Broder. Milk Fed, New York u.a.: Scribner 2021.

Dieser Raum tut sich auf, als sie von Miriam zu deren jüdischer Familie nachhause eingeladen wird – nun wird die Beziehung, die zuvor zwischen Bemutterung (daher der Titel Milkfed, der zugleich auf mütterliche Zuwendung und den Frozen Yoghurt anspielt) und Begehren schwankte, durch einen neuen Aspekt ergänzt. Essen dient nun nicht mehr nur der körperlichen Bedürfnisbefriedigung, sondern ist im Haus der Familie Schwebel in liebevolle, familiäre Beziehungen eingebettet, nach denen Rachel dürstet, was sie dort erst zu bemerken scheint. Zugleich empfindet sie auch sexuelles Begehren und ist hin- und hergerissen zwischen Miriam als mütterlicher Person, die sie füttert, als Freundin, die sie an ihrem Familienleben teilhaben lässt und als Liebespartnerin. Zugleich weckt sie in Miriam durch ihren von jüdischen Traditionen geprägtem Alltag auch eine Sehnsucht nach Spiritualität. Da Rachel all ihre unterschiedlichen Begehren – nach Essen, nach Freundschaft, nach Familie, nach Sex, nach Glauben – auf eine einzige Person, auf Miriam, projiziert, ist von Anfang an klar, dass mit jeder weiteren Überschreitung das Ende der Beziehung naht.

Der Roman spielt die Überfrachtung einer Beziehung mit unterschiedlichen Begehren, die für Rachel weder im Privaten noch in der kapitalistischen Gesellschaft erfüllt werden und die sie sich vor der Loslösung von der Mutter nicht einmal eingestanden hat, auf leichte, unterhaltsame Weise durch – ironisch merkt die Ich-Erzählerin schon zu Beginn an, dass sie ihrer eigenen Therapeutin schon deswegen nichts zutraut, weil sie sich mit ihrem niedrigen Gehalt deren Dienste leisten kann. Melissa Broder legt ihren Text nicht als große gesellschaftliche oder psychologische Studie an, spielt jedoch anhand eines simpel konstruierten Plots überzeugend durch, wie sich Begehren für eine Person anfühlen kann, die sich zuvor in einem äußerst kontrollierten und reglementierten Rahmen bewegt hat. Die Projektion aller zuvor unterdrückten Begehren auf eine einzige Person erweist sich als kindlich und letztlich nicht erfüllbar – ein Happy End kann es in dieser Konstellation nicht geben. 

Asymmetrische Verstrickungen: Ein Amerikaner in Bulgarien zwischen Begehren und Mitgefühl

In seinem preisgekrönten Debüt What Belongs to You erzählt Garth Greenwell auf der Grundlage seiner bereits zuvor erschienenen Erzählung „Mitko“ in drei Teilen von homosexuellem Begehren, der Prägung durch die eigene Familiengeschichte und der Frage der Verantwortung für andere Personen. Der erste, auch eigenständig für sich stehende Teil des Romans kreist um die (fehlende) Gegenseitigkeit von Begehren sowie um die Frage, ob es Intimität auch in Beziehungen geben kann, die von vornherein durch einen Tauschwert bestimmt sind. Die erste Begegnung des Ich-Erzählers mit Mitko ist bereits von dieser Ambivalenz geprägt:

„That my first encounter with Mitko B. ended in a betrayal, even a minor one, should have given me greater warning at the time, which should in turn have made my desire for him less, if not done away with it completely. But warning, in places like the bathrooms at the National Palace of Culture, where we met, is like some element coterminous with the air, ubiquitous and inescapable, so that it becomes part of those who inhabit it, and thus part and parcel of the desire that draws us there.“

Garth Greenwell: What Belongs to You. London: Picador 2017 (2016), 3.

In der Männertoilette des Nationalen Kulturpalasts in Sofia, wo der amerikanische Ich-Erzähler als Lehrer in einer internationalen Schule arbeitet, trifft er auf Mitko, einen deutlich jüngeren Mann, der ihm Sex für Geld anbietet. Der Ich-Erzähler stellt bei dieser Begegnung fest, dass er mittlerweile zu einem Mann geworden ist, der aufgrund seines Alters nicht mehr attraktiv genug ist, um an solchen Orten als begehrenswert wahrgenommen zu werden und dem Sex von nun an vielleicht nurmehr als Dienstleistung zur Verfügung steht. So einfach ist dieses zunächst klare Geschäft dann aber doch nicht – der Ich-Erzähler und Mitko verbringen Zeit zusammen, Mitko erzählt ihm von seiner Vergangenheit, zeigt ihm private Fotos. Der Erzähler möchte daran festhalten, dass er als Person attraktiv ist, dass sein Begehren auf Gegenseitigkeit beruht, dass es sich nicht um eine bloße Transaktion handelt.

Garth Greenwell: What Belongs to You. London: Picador 2017 (2016)

Mitko lässt sich nicht auf eine Dienstleistung reduzieren, spielt aber auch keine Gefühle vor. Er zeigt sich vielmehr als jemand, der sich prostituieren muss und aufgrund seiner Wohnungslosigkeit auch immer wieder vor der Herausforderung steht, sich einen Schlafplatz organisieren zu müssen. Die Beziehung wird von beiden nicht klar definiert: Der Erzähler ist ambivalent in Bezug darauf, Sex gegen Geld einzufordern; Mitko nennt seine Freunde und Kunden gleichermaßen „prijatelji“, Freunde. Die Grenzen dessen, was in dem Verhältnis eingefordert werden kann, sind auf beiden Seiten unklar und stehen zur Disposition.

Der erste Teil mit dem Titel „Mitko“, der sich auch als eigenständige Erzählung lesen lässt, erzählt überzeugend die Geschichte eines alternden Amerikaners, der sich zum ersten Mal mit der Möglichkeit auseinandersetzt, Sex gegen Geld zu haben. Mitko sowie der Schauplatz Bulgarien drängen sich in diesem ersten Teil nicht in den Vordergrund, sie bleiben Projektionen des Ich-Erzählers. Aufgrund des Ausbaus der Erzählung zum Roman entwickelt sich Mitko nach und nach zu einer eigenständigen Figur. Zugleich erweist sich die Position des Ich-Erzählers, der als Amerikaner an einer privaten Schule in Bulgarien lehrt, immer deutlicher als Machtposition. Da er diese nicht kritisch reflektiert – hier hat der Roman seinen blinden Fleck -, sondern in Bezug auf Mitko zwischen Mitleid und Zurückweisung gefangen bleibt, wirkt der Fokus auf die eigene Empfindlichkeit als alternder Mann zunehmend problematisch. Während der Ich-Erzähler sich mit seinen eigenen Gefühlen auseinandersetzt und in diesem Kontext auch über seine Familiengeschichte reflektiert, sieht er Mitko nur als Opfer. Seine eigene Verantwortung als privilegierter Amerikaner, der von Mitkos verzweifelter Lage profitiert, sieht er bis zum Schluss nicht.    

Frauenfreundschaft im Patriarchat: Enrico Ippolito erzählt von gesellschaftlichen Machtstrukturen im kommunistischen Italien und in Deutschland

In Was Rot war erzählt Enrico Ippolito von einer Freundschaft zwischen zwei Frauen, Cruci und Lucia, aber vor allem auch davon, wie die heterosexuelle Norm (das klassische Narrativ einer Liebe zwischen Mann und Frau, gefolgt von Ehe und Kindern) und die gesellschaftlichen Umstände (die Unvereinbarkeit von zwei Karrieren in der klassischen Ehe, vor allem wenn die Sorgearbeit durch Kinder hinzukommt) eine ganz besondere Frauenfreundschaft zerstören.

enrico ippolito: Was rot war. Hamburg: Kindler (Rowohlt) 2021.

Ippolito erzählt – gekonnt miteinander verschachtelt – die Geschichten von Mutter und Sohn. Die eine blickt auf eine Freundschaft zurück, der andere stürzt sich in ein Abenteuer mit einem Unbekannten namens Hassan in Rom, den er über eine App kennenlernt. Auf der Ebene der Vergangenheit wird von der engen Freundschaft zwischen Lucia und Cruci in ihrem gemeinsamen Jahr auf der kommunistischen Parteischule erzählt, es wird deutlich, wie gut sie sich – trotz ihrer Unterschiedlichkeit – verstanden haben, wie sie für eine gemeinsame Sache gekämpft haben und wie wichtig sie für einander waren. Die Gegenwartsebene ist geprägt von den gemeinsamen Tagen von Mutter und Sohn, die zusammen von Köln nach Rom zur Beerdigung von Lucia fahren. Obwohl es für beide schwierig ist, Intimität aufzubauen und es überhaupt miteinander auszuhalten, gibt es eine große Nähe zwischen Mutter und Sohn, die sich auch darin zeigt, wie sie mit vermeintlichen Grenzüberschreitungen umgehen: Die Mutter weiß, dass der Sohn raucht, er tut es jedoch nicht vor ihr; sie weiß auch, dass er homosexuell ist, darüber wird – wohl vor allem aufgrund der als kulturell markierten italienisch-katholischen Tabuisierung von Sexualität generell – ebenfalls nicht gesprochen.    

Lucia und Cruci – so wird in Rückblenden erzählt – lernen sich in Rom auf der kommunistischen Schule Frattocchie kennen, beide mit der Absicht, eine große Karriere in der Partei zu machen. Bald wird ihnen klar, dass sie es als Frauen nicht leicht haben werden und so setzen sie sich auch politisch für die Gleichberechtigung ein. Lucia kommt aus gutem Hause, hat Kontakte und nutzt ihre Zeit auf der Schule auch für allerlei Vergnügungen, während Cruci sich darauf konzentrieren muss, ihre Leistung zu halten. Beiden steht eine Karriere offen, sie bemerken jedoch bald, dass es für sie als Frauen – anders als bei den sie umgebenden Männern, die ohne großen Aufwand Karrieresprünge machen – langwierig und mühsam sein wird, sich etwas aufzubauen. Cruci steht, als sie Antonio kennenlernt, vor der Entscheidung sich zwischen ihrer Karriere und der Ehe zu entscheiden. Sie macht sich dies bewusst, sie erwägt auch, die Liebe fallenzulassen, entscheidet sich dann aber dafür, zu versuchen, beides zu verwirklichen. Rückwirkend ließe sich dieser Moment als der Moment beschreiben, in dem der Pakt zwischen den beiden Frauen angezweifelt wurde – die Freundschaft wird später durch einen Verrat von Lucia für immer beschädigt. Es lässt sich allerdings auch nicht sagen, ob eine Freundschaft über all die Jahre Bestand gehabt hätte, wenn Cruci sich gegen Antonio entschieden hätte.  

Die Geschichte zwischen Lucia und Cruci wird durch die in Ich-Perspektive aus Sicht des Sohnes erzählte Gegenwartsebene unterbrochen, in der von seinem Besuch bei der Mutter in Köln, ihrer gemeinsamen Reise nach Rom, seinen Treffen mit Hassan und von der Beerdigung von Lucia und dem damit verbundenen Eintauchen in die Vergangenheit der Mutter erzählt wird. Zunächst wirkt das Ausbrechen des Erzählers aus der Zweisamkeit mit der Mutter im Hotel unerwartet, dann entspinnt sich jedoch zwischen ihm und Hassan eine von Erwartungen, Nähe und Hoffnungen geprägte Zweisamkeit.

Die unterschiedlichen Lebensentwürfe von Mutter und Sohn werden einander nicht kontrastiv gegenübergestellt, sondern auf eine Art und Weise beschrieben, die von gegenseitigem Verständnis geprägt ist und Schwarz-Weiß-Denken vermeidet. Der Sohn kann nicht nur nachvollziehen, dass es für seine Mutter und generell für Frauen in der damaligen Zeit keineswegs banal und einfach war, sich zwischen Familie und Karriere zu entscheiden, sondern fühlt auch nach, dass eine Entscheidung für die Karriere für eine Frau sehr viel weniger Möglichkeiten bereithielt als für Männer, und dass eine solche Entscheidung auch – wie bei Lucia – mit weiteren Entbehrungen verknüpft gewesen wäre.

Als der Ich-Erzähler Hassan durch eine App kennenlernt, als er mit ihm ausgeht und dann intime Momente mit ihm teilt, wird eine Leichtigkeit vermittelt, die allenfalls durch die Schwierigkeiten des ersten Kontakts, der Frage, worüber und ob überhaupt ein Gespräch geführt werden soll, getrübt wird und doch als Moment des Sich-Fallenlassens, von Intimität ohne Liebesversprechen, erlebt wird. Dagegen erscheint die Freundschaft zwischen Lucia und Cruci als tiefe Beziehung zwischen zwei Frauen, die jedoch aufgrund der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – und der Konkurrenz zwischen Freundschaft, Ehe und Karriere – ebenfalls nur von kurzer Dauer gewesen sein wird. So erzählt Enrico Ippolito auch davon, wo die Grenzen zwischen verschiedenen gesellschaftlich akzeptierten Verträgen und Narrativen über Formen von Beziehungen verlaufen und dass es sich nicht nur zwischen Individuen entscheidet, welche Beziehung zwischen ihnen möglich ist.

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