Zwei Erzählbände über heteronormative Beziehungen im Patriarchat: „Mein Mann“ von Rumena Bužarovska und „Grundlagenforschung“ von Anke Stelling

von Diana Hitzke

Rumena Bužarovskas Erzählband beginnt mit der Story (so sind die Prosastücke auch in der deutschen Übersetzung, die im Suhrkamp-Verlag erschienen ist, betitelt) „Mein Mann, der Dichter“. Die Ich-Erzählerin arbeitet als Geschichtslehrerin und hat keine Lust mehr, sich ständig für die neuen Gedichte ihres Mannes zu begeistern, auch wenn sie sich damals auf einem Poesiefestival gerade deswegen für ihn interessiert und auf ihn eingelassen hat. Mittlerweile findet sie weder seine Gedichte überzeugend, noch hat sie Anerkennung für seine Arbeit übrig. Die Dramaturgie der Geschichten von Bužarovska ergibt sich oftmals aus der Erzählhaltung und Perspektive der Figuren – fast nie geht es um große Lebensentscheidungen, bemerkenswerte Begegnungen oder um die Konsequenzen einer gewichtigen Handlung.

Rumena Bužarovska: Mein Mann. Stories. Berlin: Suhrkamp 2021

Es sind aber auch nicht nur subtile Alltagsbeobachtungen, die sich aus der zumeist häuslichen Perspektive der Ehefrauen ergeben. Den Witz der Storys – Bužarovska hält ihren distanzierten, kühlen und belächelnd-herablassenden Stil trotz unterschiedlicher Ich-Erzählerinnen im ganzen Buch durch – machen überraschende Blickwinkel, teils auch skurrile Ereignisse und Reaktionen aus (oftmals in den Geschichten, die von Ehepaaren mit Kindern erzählen). Schon nach der ersten Erzählung ist klar, dass es in diesem Band keinen (ernsthaften) Streit, keine Trennungen und Scheidungen geben wird. Auch wenn die Frau die Inszenierung ihres Mannes als Dichter nicht ernst nehmen kann, steht die Fortführung ihrer Ehe außer Frage. Die Ich-Erzählerin fühlt sich auch nicht verpflichtet, sich als Korrektiv vereinnahmen zu lassen.

„Er geht immer noch auf Poesiefestivals. Er geht, sobald es ihm seine Arbeit erlaubt, die er nebenbei erwähnt, auch noch schlecht macht. […] Erst einmal schleppt er einen Koffer voll mit seinen dünnen, in billiges Plastik gebundenen Gedichtheftchen an. Die meisten davon hat er ins Englische und in ein paar Balkansprachen übersetzen lassen, damit die Ausländer sein Gefasel besser verstehen können. […] Die Übersetzungen seiner Gedichte sind schrecklich. Nicht was den Inhalt angeht – der ist sowieso bedeutungslos -, sie sind auch voller Grammatikfehler. Daran ist sein Geiz Schuld. […] [E]in paar arme junge Mädchen […] übersetzen dann kostenlos oder gegen ein miserables Honorar für ihn. Ein paarmal habe ich mitangehört, wie er mit ihnen feilscht: Als Belohnung vergibt er zehn Exemplare seines Buchs. Dafür schäme ich mich wirklich, aber was soll ich machen.“

Rumena Bužarovska: Mein Mann. Stories. Berlin: Suhrkamp 2021, S. 11 (das Original ist 2014 auf Mazedonisch im Verlag Ili-Ili in Skopje erschienen).

Das Setting der hier beleuchteten Beziehungen und ihrer Einbindung in gesellschaftliche Kontexte ist immer gesetzt. Die Frage ist, wer warum über wen lacht, wer aus welchem Grund auf wen hinabsieht und ob sich die Distanz, die die Ehefrauen ihren Ehemännern und der Gesellschaft gegenüber einnehmen, eher stabilisierend ist oder ob sie auch als subversiv gelesen werden kann. Verzichten sie gerade aufgrund der ironischen Distanz, die sie ihrem eigenen Leben gegenüber einnehmen, auf eine Veränderung oder wissen sie von vornherein (als sie hätten schon alles von Anke Stelling gelesen), dass die Alternativen sie auch nicht glücklich machen würden? Zum Teil scheint auch eine Metaebene auf: Da sie allesamt gar nicht erst an die Illusion einer großen Liebe oder eines guten Lebens glauben, machen sie sich gar nicht erst auf die Suche danach.  

Anke Stelling: Grundlagenforschung. Erzählungen. Berlin: Verbrecher Verlag 2020.

Anke Stelling erzählt in „Grundlagenforschung“ – übrigens eine Zusammenstellung zum Großteil bereits anderswo erschienener Erzählungen, was einige Leser:innen irritieren wird, sich aber in der Gesamtschau doch lohnt – von Männern, Frauen, Freund:innen, (meist ziemlich fertigen) Müttern, von gar nicht erst richtig angefangenen oder abgebrochenen (auch scheinbaren) Karrieren, von prekären Arbeitsverhältnissen und davon, wie die meisten Figuren in gewohnt-zynisch-Stelling’scher Sicht auch mit 40 oder 50 noch keinen Sinn im Leben gefunden haben, die Suche danach dennoch nicht aufgegeben haben. Immer wieder verfallen sie in Gedankenspiralen, aus denen sie nicht herausfinden und die kaum zu aktiven Handlungen führen. Sie mühen sich ab, mit allerlei verzweifelten Versuchen, die mit den Freund:innen verbrachten Ferien irgendwie ohne größere Unstimmigkeiten hinter sich zu bringen, das Leben allein nun entweder zu genießen oder doch endlich erfolgreicher in der Partner:innensuche zu werden oder sich damit abzufinden (oder auch nicht), dass sowohl der bessere Job als auch der Ehemann nun weg sind und man (bei Stelling trifft diese Konstellation eher die Frauen) allein, in zweifelhafter Lage, von den Kindern belächelt, seine Tage und Abende verbringt. 

Rumena Bužarovskas Erzählungen lassen sich gut in Kombination mit Anke Stellings Erzählungen lesen, immer zuerst eine von Bužarovska (ja, auch in denjenigen Beziehungen, die klassischen Rollenmodellen folgen, durchschauen die Frauen das Spiel und können sich selbstironisch zu ihrer in der patriarchalen Gesellschaft untergeordneten Lage verhalten) und danach eine von Stelling (sollte man sich beim Lesen von „Mein Mann“ des eigenen alternativen Lebensmodells allzu gewiss werden, offenbart „Grundlagenforschung“ die sich darin verbergenden Klischees und Abgründe). Zugleich wirken Stellings einerseits ständig an sich selbst zweifelnden und andererseits nach außen hin ihre eigenen Fehlentscheidungen und widersinnigen Verhaltensweisen selbstbewusst verteidigenden Figuren seltsam passiv und spießig, wenn sie in Kontrast stehen zu den zwar in bürgerlichen Beziehungen (meist mit Haus, Kindern und gesellschaftlicher Stellung) feststeckenden Frauen, die sich jedoch Distanz und Freiraum in ihrem Leben schaffen, weil sie sich erzählerisch dazu verhalten, indem sie sich selbst darüber (meist vor allem über ihre Männer) lustig machen.

Sowohl bei Stelling als auch bei Bužarovska stecken die Figuren fest in Situationen, in denen sie nur unbefriedigende Handlungsmöglichkeiten haben und in denen sie sich selbst kaum als aktive Protagonistinnen wahrnehmen. Während bei Bužarovska die patriarchelen Verhältnisse deutlicher zu spüren sind – die Frauen sind stets damit beschäftigt, die Dinge, die sie tun wollen, hinter dem Rücken ihrer Männer zu tun und verwenden einen Großteil ihrer Energie darauf, diese dann zu verbergen –, steht bei Stelling die Desillusionierung im Vordergrund. Stellings Figuren haben sich an einem alternativen Leben versucht – und stehen nun, in den Vierzigern – mit Jobs oder Karrieren da, die sie nur noch langweilen oder die sie in den Sand gesetzt haben, mit einem Familienleben, das entweder ernüchtert betrachtet wird oder tatsächlich gescheitert ist und mit Freundschaften, die nicht nur ständig an gesellschaftlichen Erwartungen und kollektiven Vorstellungen gemessen werden, sondern auch immer neuen Belastungsproben ausgesetzt werden, wodurch sie sich wohl nie als langweilig, dafür aber als äußerst fragil erweisen.

Die Figuren bei Stelling sind stets auf der Suche nach Drama, nach Abenteuer, nach etwas anderem. Die Figuren bei Bužarovska versuchen jegliches Drama zu vermeiden und in einem restriktiven Umfeld, in denen die Geschlechterverhältnisse und -rollen klar verteilt sind und ein Ausbruch gar nicht zur Debatte steht, irgendwie zu überleben. Während der Überdruss und die Desillusionierung bei Stelling beim Lesen gelegentlich unerträglich sind, hat auch das selbstironische bzw. kontrollierte Verhalten bei Bužarovska ihren Preis: am Ende der Erzählungen gibt es auch hier ein Ventil, die unterdrückte Gewalt geht letztlich auf Kosten der Kinder. Durch die bei Bužarovska keinesfalls und bei Stelling nicht nur realistisch gemeinten Plots wird bei beiden Autor:innen die schmale Grenze sichtbar, die zwischen einem gelungenen Leben mit zeitweisen Ausfällen und Enttäuschungen, und solchen Lebensmodellen, die vor allem an der Oberfläche funktionieren, darunter jedoch zahlreiche Abgründe verdecken, verläuft. Ob die jeweiligen Lebensmodelle konservativ oder alternativ sind, scheint – liest man die beiden Erzählbände nebeneinander – gar nicht der entscheidende Punkt zu sein.