Bettina Wilpert: Herumtreiberinnen

von Diana Hitzke

Bettina Wilpert legt mit Herumtreiberinnen ihren zweiten Roman vor. Oft steht nach einem ersten Erfolg die Frage im Raum, ob das zweite Buch den durch das erste erweckten hohen Erwartungen gerecht werden kann. Für ihr Debüt „nichts, was uns passiert“ wurde die Autorin mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, sie erhielt u.a. den Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen, den Melusine-Huss-Preis, den ZDF-„aspekte”-Literaturpreis und Das Debüt 2018 – Bloggerpreis für Literatur.  

Herumtreiberinnen ist ein wichtiges Buch in dreifacher Hinsicht: Bettina Wilpert bringt eine neue, unverbrauchte Perspektive in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ein – sie erzählt in einer eigenwilligen Mischung aus Leichtigkeit und Schwere, die von der ersten bis zur letzten Seite überzeugt. Die Autorin nimmt sich darüber hinaus ein wichtiges historisches Thema vor und findet einen angemessenen erzählerischen Rahmen, der weder zu einfach ist, indem er etwa nur auf die Lebensgeschichten der Figuren setzt, noch durch allzu ausgefallene narrative Experimente die Geschichten überfrachtet.

Wilperts Prosa widmet sich der präzisen, stilsicheren Beschreibung des Alltags – sie skizziert ihre Figuren in konkreten Szenen: inmitten von Fahrgeschäften auf der Kleinmesse, im Schwimmbad, beim Träumen mit der besten Freundin, in unsicheren und aufrührerischen Gedankengängen, beim Schule-Schwänzen. In den Schilderungen der alltäglichen Szenen zeigt sich Wilperts untrügliches Sprachgefühl, kaum erscheint ein Wort zu viel, zu übertrieben oder fehl am Platz. Die Protagonistinnen sind lebendig, reflektiert, auch einmal unsicher, sie wollen etwas vom Leben, sind sich aber auch der Begrenzungen der jeweiligen historischen Umstände, in denen sie sich befinden, bewusst.

Der erste Teil des Romans erzählt von Manja und ihrer Freundin Maxi, beide gehen noch in die Schule und sind seit der 11. Klasse miteinander befreundet. Es geht um den Alltag, um gemeinsam verbrachte Nachmittage, um die Träume der beiden Schülerinnen. Maxi möchte die erste Kosmonautin der DDR werden, beide möchten kein geradliniges, geregeltes Leben führen, sondern haben etwas Besseres vor. Eines Nachmittags sind sie in einer Schrebergartenkolonie auf der Suche nach einem Fernseher unterwegs, die Ich-Erzählerin hat einen klaren Blick darauf:

Viele Gärten gefielen mir nicht: diese Akribie, die zeigte, dass man nichts falsch machte, jeden Tag zum Gießen vorbeikam, alles auf die Reihe kriegte. Eigentlich bestätigte sich für mich nur, dass diese Leute kein Leben hatten. Nur wenige Gärten lebten wirklich: Dort war das Gras kein Gras mehr, sondern Moos und Löwenzahn, von dem nur noch wenige Blüten gelb waren, die meisten hatte der Wind mitgenommen; die Sträucher wucherten in alle Richtungen außer nach oben, vor allem über den Nachbarzaun, und in den Gemüsebeeten gab es interessante Kreuzungen zwischen Blumenkohl und Wirsing.

Bettina Wilpert: Herum­treiberinnen. Verbrecher Verlag, Berlin 2022, S. 20.

In kurzen Szenen wie dieser beschreibt Wilpert im ersten Teil des Romans, der rund 60 Seiten umfasst, das Lebensgefühl der beiden Mädchen in den 80er Jahren in der DDR. Die Autorin findet genau den richtigen Ton, solche Bilder lassen sich an vielen Stellen entdecken und werden nie als Metaphern überstrapaziert; sie lässt uns an der Gedankenwelt ihrer Protagonistinnen teilhaben, ohne dass diese Gefahr laufen in längere Monologe zu verfallen. Der Wechsel zwischen den Gedanken der Figuren, kurzen Dialogen und der Beschreibung charakteristischer Ereignisse lässt das Buch von Anfang an lebendig wirken. Jedes Wort, jede Szene wirkt durchdacht.

Manja und Maxi durchleben einen Sommer zusammen, ihre Erlebnisse sind jedoch geprägt von den Bildungsinstitutionen der DDR, sie sind immer gehalten, ihr Verhalten zu überdenken und anzupassen. Sie wachsen in dem Bewusstsein auf, dass sich ihre Zukunft in engen Bahnen abspielen wird. Im Schwimmbad trifft Manja Manuel, einen Vertragsarbeiter aus Mosambik. In wenigen Sätzen und Szenen gelingt es Wilpert, zu beschreiben, welche Einschränkungen die Vertragsarbeiter in der DDR-Gesellschaft hinnehmen mussten. Bei einer Razzia im Wohnheim wird Manja in Manuels Zimmer von der Volkspolizei erwischt und daraufhin auf die geschlossene Venerologische Station in der Lerchenstraße gebracht. 

Dieses Gebäude in der Lerchenstraße steht fortan im Mittelpunkt des Romans. Der historische Ort, der als Vorlage des Romans diente, befindet sich heute in der Riebeckstraße 63 in Leipzig. Der „Initiativkreis Riebeckstraße 63“ widmet sich der Aufarbeitung der Geschichte eines Gebäudes, das im 19. und 20. Jahrhundert als Ort sozialer Ausgrenzung und Verfolgung fungierte und jetzt als „aktiver Erinnerungsort“ genutzt wird (siehe die Website des Vereins: https://riebeckstrasse63.de/, dort lässt sich auch mehr zur Geschichte des Ortes in Erfahrung bringen).

Während der erste Teil erzählerisch ganz bei Manja und Maxi ist, werden die Zeitebenen der beiden Teile, die auf die Einweisung von Manja in die sogenannte „Tripperburg“ folgen, miteinander verwoben. So gelingt auch erzählerisch der Bruch, der im Leben eines Individuums durch die Überführung an eine staatlich kontrollierte Institution verursacht wird. Die beiden anderen Erzählstränge drehen sich um die Sozialarbeiterin Robin, die 2015 einen Job in einer Unterkunft für Geflüchtete annimmt, die mittlerweile auf dem Gelände angesiedelt ist, und um Lilo, die während der NS-Zeit ihren Vater bei der kommunistischen Widerstandsarbeit unterstützt hat und nachdem der Familie der Prozess gemacht wird, auch in der Lerchenstraße festgehalten wurde.

Wilpert verbindet diese drei Zeitebenen, indem sie in wechselnden Szenen von Manja, Lilo und Robin erzählt. Den Schwerpunkt bildet die Geschichte um Manja, auch weitere Frauenfiguren aus der Zeit der 80er Jahre in der DDR bekommen viel Raum – so etwa Maxi, die in der Punkszene der DDR unterwegs war, oder Marion, die auf die Station eingewiesen wird, „einmal wegen Prostitution und einmal, weil sie keiner Arbeit nachgehe“ (S. 200).

In Wilperts Roman dient das Gebäude in der Lerchenstraße keinesfalls nur als Kulisse, die drei voneinander unabhängige Zeitebenen zusammenhält. So wird das Gebäude in der Lerchenstraße vor allem in seiner Funktion in der DDR beleuchtet, in dieser Zeit wurden Frauen dort festgehalten, weil sie den Moralvorstellungen des Staates und der Gesellschaft nicht entsprachen. Die Geschichte um Lilo macht deutlich, dass der Ort, an dem sie festgehalten wurden und täglichen Misshandlungen ausgesetzt waren, auch zuvor schon als Internierungsanstalt genutzt wurde. Während Manjas und Lilos Geschichte sich darin ähnlich sind, dass beide Frauen in dem Gebäude während einer Diktatur festgehalten wurden, wirkt die Gegenwartsebene zunächst als Störfaktor in der Parallelität der Erzählstränge: Robin ist auf demselben Gelände tätig, sie ist auch eine Frau, wir erfahren etwas über ihre Lebensträume und ihre Sexualität. Sie wird aber anders als Manja oder Lilo nicht in dem Gebäude festgehalten, sondern sie arbeitet dort. Die Geflüchteten befinden sich ebenfalls in einer anderen Situation: sie sind zwar nicht eingesperrt, dürfen sich aber auch nicht frei bewegen; in Robins Anwesenheit findet später aucheine Abschiebung statt. Robin engagiert sich im Arbeitskreis Gedenkort Lerchenstraße, während ihrer Arbeit findet sie im Keller auch Akten, die auf die DDR-Vergangenheit des Ortes hinweisen.

Bettina Wilpert gelingt es, an einem ganz konkreten Ort drei Zeitebenen zusammenzubringen. Sie vermeidet sehr geschickt vorschnelle und einfache Parallelen zwischen der NS-Zeit, der DDR-Diktatur und dem Umgang mit Geflüchteten in der Gegenwart. Durch die Gegenwartsebene, die sich einer einfachen Analogiebeziehung entzieht, macht der Roman auf die Komplexität von Erinnerungsorten und die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Geschichte von institutionalisierter sozialer Ausgrenzung aufmerksam. Der dem Roman vorangestellte Abschnitt regt dazu an, genau hinzuschauen, wenn Ausgrenzung praktiziert wird. Er lautet wie folgt:      

Wir sind immer auf der Flucht. Wir sind der Abschaum, das Unterste, das Letzte. Sie nennen uns HwGs oder Herumtreiberinnen, Arbeitsbummelantinnen, Asoziale. Über der Tür der Lerchenburg kämpft der heilige Georg auf seinem Pferd im Sprung. Mit erhobenem Schwert zielt er auf den Drachen. Hierher bringen sie uns von überall, sagen, wie seien Wahnwitzige und Sinnlose, Liederliche. Wir werden versorgt und verwahrt.

Bettina Wilpert: „Herum­treiberinnen“. Verbrecher Verlag, Berlin 2022, S. 5.

Bettina Wilpert: Herum­treiberinnen. Verbrecher Verlag, Berlin 2022.

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